Unternehmensnachfolge: die Vor- und Nachteile

aktualisiert am 23. November 2018 14 Minuten zu lesen

Auf was genau sollten Sie bei der Übernahme eines bestehenden Unternehmens achten? Erfahren Sie in diesem Artikel mehr zu den Chancen, Risiken und dem Ablauf einer Unternehmensübernahme sowie weiteren Infos und Tipps rund um die Unternehmensnachfolge.

 

Laut DIHK-Präsident haben sich 2017 noch nie so viele Alt-Inhaber bei der Suche nach einem Unternehmensnachfolger für ihren Betrieb an ihre regionale Industrie- und Handelskammer gewandt. Zudem berichte nahezu jeder vierte Betriebsnachfolger der IHK, dass die familieninterne Unternehmensübertragung durch die Erbschaftsteuer gefährdet sei. Insofern ist die Auswahl an geeigneten Betrieben für externe Unternehmensübernahmen so groß wie nie zuvor, also Übernahmen, die nicht familienintern vonstatten gehen. Diese Alternative zur Selbständigkeit sollte von Gründern in jedem Fall auch in Betracht gezogen werden.

 

Vorteile einer Unternehmensübernahme

  • Einfachere Finanzierung: Banken bewerten bewährte Geschäftsmodelle häufig positiver und sind eher bereit zur Finanzierung eines Darlehens. Nicht selten beteiligt sich auch der vorherige Unternehmer als Investor, da er das Potential des Unternehmens sehr gut einschätzen kann.
  • Bewährte Unternehmensstrukturen: Kein Aufbau von Strukturen und Arbeitsabläufen, sondern Übernahme von bewährten Prozessen
  • Personal: Ein etabliertes Team ist bereits vorhanden und somit ist keine aufwändige Personalsuche notwendig.
  • Übernahme der Kunden: In der Regel können viele Kunden übernommen werden.
  • Produkte sind am Markt erprobt: Markterfahrung, Marktpräsenz und Markthistorie der Produkte bieten fundierte Entscheidungsgrundlagen.
  • Wertvoller Expertenrat: Häufig steht der ehemalige Eigentümer/Geschäftsführer in der Startphase oder auch darüber hinaus mit Rat und Tat zur Seite.

 

Nachteile einer Unternehmensübernahme

  • Führungsrolle: Nach einer Übernahme hat der neue Besitzer keine Zeit in seine neue Rolle hineinzuwachsen, sondern findet sich unmittelbar in der Führungsrolle wieder. Ohne Erfahrung kann es sehr schwierig sein, dieser Rolle gerecht zu werden, insbesondere ohne Coaching des vorigen Geschäftsführers.
  • Differenzen mit ehemaligem Inhaber: Ist der vorige Unternehmer noch in irgendeiner Form in das Unternehmen involviert, beispielsweise durch Beteiligung, kann es zu gravierenden Meinungsverschiedenheiten bei der Unternehmensführung kommen.
  • Höhere Anfangsinvestitionen: Die Investitionen zum Unternehmensstart sind im Gegensatz zu einer Neugründung nicht flexibel, denn das Unternehmen wird zu einem fixen Preis erworben.
  • Veraltete Prozesse und Strukturen: Etablierte Strukturen und Arbeitsabläufe müssen kein Vorteil sein. Sind diese festgefahren und veraltet, kann eine Anpassung unter Umständen schwieriger sein als bei einer Neugründung neue Strukturen zu etablieren.
  • Personal: Beim Umgang mit dem Personal bei einer Unternehmensübernahme ist stets viel Fingerspitzengefühl gefragt. Insbesondere die Besetzung von Schlüsselpositionen mit neuen Mitarbeitern kann schwierig werden.

 

Welche Probleme bringt eine Unternehmensnachfolge mit sich?

Bei einer Unternehmensnachfolge können insbesondere folgende Probleme auftreten:

  • Finanzierungsschwierigkeiten aufgrund begrenzten Eigenkapitals
  • Schwierigkeiten mit Banken und anderen Kapitalgebern
  • Unterschätzung der Komplexität der Unternehmensführung (Geschäftsabwicklung, Führung und Motivation eines bestehenden Teams für neue Arbeitsweisen und Ideen)
  • Mangelnde Qualifikation für Unternehmensführung bei Unternehmensnachfolge

Um diese Schwierigkeiten zu meistern, können potentielle Nachfolger den Erfahrungsaustausch und persönliche Gespräche mit erfahrenen Unternehmern suchen. Dies ist beispielsweise auf Events wie dem BWS NachfolgerForum möglich, das jährlich stattfindet.

Folgende Fragen können Sie erfahrenen Unternehmern beispielsweise stellen:

  • Wie sichere ich den monetären Wert eines Unternehmens nach einer Unternehmensnachfolge?
  • Wie kann das Privatvermögen sowohl für Übergeber und Übernehmer gesichert werden?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, um eine Unternehmensübertragung zu gestalten?
  • Welche fachlichen Voraussetzungen und Charaktereigenschaften benötigt ein potentieller Nachfolger generell bzw. in einer speziellen Branche?

 

So gelingt Ihre Unternehmensnachfolge

Schritt 1: Finanzierung gewährleisten

Stellen Sie ein Finanzierungsmodell sicher, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Möglichkeiten gibt es viele: Bankkredite, Einbindung des Vorbesitzers, Einbindung von Bürgschaftsbanken. Maßgeblich und zwingend notwendig hierbei ist ein professioneller Businessplan.

Schritt 2: Analysieren Sie die Unternehmensstruktur

Schauen Sie sich die Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre sowie die BWAs genau an und werten Sie diese aus. Doch Vorsicht: Machen Sie nicht den Fehler und leiten Sie daraus ab, wie das Unternehmen funktioniert. Um eine solche Einschätzung realistisch vorzunehmen, benötigen Sie genaue Infos zu Geschäftsausstattung, Kundenstruktur, Leistungsspektrum, Personalstruktur, Lieferantenbeziehungen, Netzwerken sowie Abläufen in einem Betrieb.

Schritt 3: Persönlichkeit und Führungsstil des Vorgängers verstehen

Der Erfolg eines Unternehmens hängt sehr oft stark von der Führungspersönlichkeit und deren Führungsstil an. Dies zeigt sich sowohl in der Personalführung als auch in Kunden- und Lieferantenbeziehungen. Steht hier ein Wechsel bevor, ist es absolut essenziell für einen Geschäftsführer, zu verstehen, wie diese Belange bisher funktioniert haben. So kann er oder sie sich optimal darauf einstellen und Veränderungsprozesse vermitteln.

Schritt 4: Stellen Sie das Know-how des Vorgängers sicher

Know-how sowie Prozesse eines Unternehmens sind sehr oft nirgendwo erfasst und für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Insofern wird ein Nachfolger ein Stück weit immer “ins kalte Wasser” geworfen. Um nicht alles von Grund auf neu lernen zu müssen, sollten Sie sich einen Weg überlegen, um das Wissen des Vorgängers so gut es geht zu erhalten. In vielen Fällen ist ein voriger Inhaber auch bereit, in einer Übergangsphase als Berater zu helfen. Nehmen Sie ein solches Angebot unbedingt an, sollte es keine guten Gründe geben, die dagegen sprechen.

Schritt 5: Bewerten Sie das Unternehmen nachvollziehbar

Ein häufiger Streitpunkt einer Unternehmensnachfolge ist der Kaufpreis eines Unternehmens. Da hier zwei unterschiedliche Interessen der Parteien zugrunde liegen und der aktuelle Inhaber in seinem Unternehmen häufig auch einen hohen ideellen Wert bzw. einen Potentialwert sieht, ist dies eine sehr schwierig zu lösende Aufgabe. Daher ist für eine erfolgreiche Verhandlung vor allem ausschlaggebend, Missverständnisse in den vorliegenden Informationen aufzuzeigen und eine gemeinsame Argumentationskette zu entwickeln. Kernstück einer solchen Prüfung ist oftmals eine externe Firmenbewertung im Rahmen einer Due Diligence, die sich sowohl mit den finanzwirtschaftlichen Themen, als auch mit der Marktlage und der Produkt/Kundenbeziehung auseinander setzt.

Schritt 6: Risiken vertraglich definieren

Es ist enorm wichtig, dass Klarheit darüber besteht, welche (Haftungs-) Pflichten dem Nachfolger und welche dem Abgebenden nach einer Unternehmensübernahme zukommen. Insbesondere hinsichtlich Forderungen, Verbindlichkeiten, Steuern und Sozialabgaben, Gewährleistungen, Garantien etc., die vor der Übergabe bestehen, sollte geklärt und vertraglich definiert werden, wer welche Pflichten übernimmt. Eine umfassende Analyse und vertragliche Gestaltung durch Garantien bzw. Haftungsfreistellungen sind hierbei üblich und notwendig.

 

Tipps zur Suche: Wo finde ich Unternehmen, die zum Verkauf stehen?

Hier haben wir Ihnen eine Auswahl an Portalen zusammengestellt, die Ihnen online anzeigen, bei welchen Unternehmen aktuell eine Übernahme möglich ist:

Darüber hinaus können Sie Kammern, Wirtschaftsverbände, Berater, das eigene Netzwerk oder soziale Businessnetzwerke, wie Xing und LinkedIn nutzen, um von einem geeigneten Unternehmen zu erfahren.

Um das ideale Unternehmen für eine Übernahme zu finden, sollten Sie sich vorher eine Branche auswählen, die zu Ihrem Profil passt. Dies sollte idealerweise eine Branche sein, in der Sie sich bereits auskennen, doch auch ein Quereinstieg ist möglich. In letzterem Fall gilt es, sich möglichst schnell und zielführend Know-how anzueignen. Darüberhinaus sollten Sie vorher genaue Kriterien festlegen, die ein Zielunternehmen erfüllen sollte, zum Beispiel hinsichtlich Standort, Umsatz, Mitarbeiter, Unternehmensphase etc.

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Unternehmensbewertung bei einer Übernahme

Financial Due Diligence

Die Finanzen eines Unternehmens werden am gründlichsten geprüft im Rahmen einer Financial Due Diligence, einem relativ aufwendigen Bewertungsverfahren. Diese Form der Analyse umfasst meist einen Zeitraum von fünf Jahren oder mehr, ein Prüfer hat hierbei sogar Zugriff bis auf die Ebene von Einzelkonten der Buchführung.

Legal Due Diligence

Neben der finanziellen Bewertung ist außerdem eine rechtliche Bewertung äußerst hilfreich. Analysegegenstand hierbei ist beispielsweise die Belastbarkeit von Kunden- und Lieferantenverträgen und welchen Möglichkeitsspielraum diese bieten. Darüberhinaus werden alle weiteren rechtlichen Risiken überprüft, zum Beispiel im arbeitsrechtlichen Sinne. Eine Legal Due Diligence hat häufig einen ähnlich großen Umfang wie eine Financial Due Diligence.

Market Due Diligence

Von hoher Relevanz ist bei einer Unternehmensbewertung auch die Marktstellung eines Unternehmens. Hierbei werden beispielsweise angebliche Alleinstellungsmerkmale einem Praxistest unterzogen und geprüft, ob und inwiefern diese tatsächlich vorliegen. Bei einer Market Due Diligence werden Kunden, Lieferanten und mitunter auch Wettbewerber zur Marktsituation befragt. Auch Messebesuche können sehr aufschlussreich darüber sein, wie es um einen bestimmten Markt aktuell bestellt ist und welche Innovationen den Markt beherrschen.

Cultural Due Diligence

Eine weitere wichtige Einschätzung ist die vorhandene Unternehmenskultur. Dazu gehört beispielsweise auch, die “Meinungsmacher” in einem Betrieb zu kennen. Die Einbindung von Profis wie etwa spezialisierte Personaler kann auch hier sehr wertvoll sein. Letztendlich ist ausschlaggebend, ob die Werte und Vorstellungen eines neuen Chefs zu denen der Mitarbeiter passen.

Der Kaufpreis: Was ist ein Unternehmen tatsächlich wert?

Nach all den vorangegangenen Bewertungen den richtigen Kaufpreis festzulegen ist äußerst schwierig. Nicht selten bemessen Inhaber ihrem Unternehmen einen sehr hohen emotionalen Wert bei, der sich in den nackten Zahlen nicht widerspiegelt. Auch Intuition und “schlafende Potentiale” spielen hier eine große Rolle. Durch die Einbeziehung von Profis wird es für beide Seiten in jedem Fall einfacher, auf einer rationalen Basis zu einem Endpreis zu gelangen.

 

Unternehmensnachfolge: Was die IHKs empfehlen

  1. „Vorbereitung ist alles“. Etwa drei bis zehn Jahre vor der geplanten Übergabe sollte der Inhaber damit beginnen, sein Unternehmen fit für die nächste Chef-Generation zu machen. Ist das Angebot zukunftsorientiert? Stimmen die Margen? Ist meine Produktion auf dem neuesten Stand? Muss ich neu investieren? Stimmt die Unternehmensorganisation? Habe ich die richtigen Zulieferer und Finanzierungspartner?
  2. Nachfolger finden. Spätestens drei Jahre vorher mit der Suche nach einem Übernehmer beginnen.
  3. Unternehmen übergeben. Spätestens zwölf Monate vorher den Prozess der Übergabe beginnen.
  4. „Stunde Null“. Nach Übergabe des Unternehmens muss das Spannungsfeld der Interessen von Inhaber, Familie, Nachfolger und Unternehmen gelöst sein. Die Vorkehrungen hierfür sind lange vorher zu treffen (siehe 1.).

Quelle: DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2017

 

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