„Junge Gründer denken oft zu kurzfristig“

aktualisiert am 24. Januar 2018 13 Minuten zu lesen

Exklusiv-Interview: Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Jochen Ball der Unternehmensgruppe Dornbach plaudert mit firma.de aus dem Nähkästchen über Erfahrungen mit Gründern aus 25 Berufsjahren. Erfahren Sie im Gespräch mit dem Experten wertvolle Tipps für die Gründungsphase von einem, der es wissen muss.

Jochen Ball hat in seiner Berufslaufbahn viele Firmengründungen betreut und sowohl Erfolge als auch Misserfolge miterleben dürfen. firma.de hat bei ihm nachgefragt, welche Fehler von Firmengründern oftmals aus Unerfahrenheit begangen werden und welche Tipps er Unternehmern mit auf den Weg geben kann. In einem interessanten Gespräch schildert der Diplom-Kaufmann, worauf es beim Gründen wirklich ankommt und welche Anfängerfehler zu vermeiden sind.

firma.de: Sie betreuen in der Regel mittelständische Unternehmen, aber auch Unternehmen mit bis zu 1 Milliarde Euro Umsatz. Wie kam es zu dem Ansatz, auch auf Start-ups zuzugehen und diese zu betreuen?

Jochen Ball: Ganz neu ist dieser Ansatz für uns ja nicht, wir haben in der Vergangenheit immer schon Start-ups betreut, aber insbesondere momentan ist die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geprägt von Gründerzentren in Berlin oder auch in Hessen – eine Szene, die wir sehr spannend finden. Und die Start-ups von heute sind natürlich die Mittelständler von morgen. Wir sind nun seit über 50 Jahren am Markt, insofern müssen wir immer in Bewegung bleiben, denn Stillstand ist Rückschritt. Außerdem finde ich es persönlich immer spannend, zu verfolgen, wie sich neue Geschäftsideen entwickeln.

Wie kann sich ein Gründer eine Zusammenarbeit mit Ihnen denn vorstellen? Angenommen er oder sie kommt mit einer Geschäftsidee auf Sie zu. Was passiert dann?

Jochen Ball: Ich hör mir in der Regel die grundsätzliche Konzeption an und versuche finanzmathematisch zu beurteilen, was aus meiner Sicht an finanziellen Mitteln zur Realisierung nötig ist. Dann weise ich darauf hin, sich versicherungstechnisch hinsichtlich Berufsunfähigkeit abzusichern, um gerade in der Gründungsphase ohne festes Einkommen auf der sicheren Seite zu sein. Und besonders wichtig: Ich versuche herauszufinden, wo der USP, das Alleinstellungsmerkmal der Idee und damit die Berechtigung am Markt liegt, welche die Wahrscheinlichkeit erhöht, mit der Idee Geld zu verdienen. Falls ein Businessplan vorliegt, würde ich versuchen, ihn zu plausibilisieren. Sehr oft fehlt in diesen Plänen die Steuerkomponente, ein Aspekt, den ich dann ergänze. Auch das Thema Abschreibungen ist häufig nicht berücksichtigt. Das liegt unter anderem daran, dass sich Gründer eben in der Regel mit anderen Bereichen beschäftigen als wir und diese Fragen deshalb weniger zentral für Sie scheinen. Manchmal ist es so, dass Businesspläne zwar vorhanden, aber nur auf 1-2 Jahre ausgelegt sind. Das ist verständlich, aber doch etwas kurz, weil ich nach meiner Erfahrung erst nach einer mindestens fünfjährigen Phase sagen kann: Hat sich etwas etabliert oder nicht? Gerade junge Gründer denken oft sehr kurzfristig.

Das heißt Sie haben auch sehr viel mit jungen Gründern zu tun?

Jochen Ball: Ja, ich mache das ja schon immerhin 25 Jahre, insofern hab ich das ein oder andere Start-up begleitet und sehr viel erlebt – von Business-Ideen, die sehr erfolgreich waren bis hin zu welchen, die überhaupt nicht geklappt haben.

Was genau sind die häufigsten Gründe für das Misslingen einer Geschäftsidee? Wo liegen die gefährlichsten Fallstricke?

Jochen Ball: Recht häufig fällt mir auf, dass die Marktanalyse nicht wirklich gut betrieben wurde und Fragen wie „Was habe ich für Marktbegleiter in diesem Segment? und „Welche Dienstleistungsangebote oder Produkte gibt es schon?“ nur unzureichend beantwortet sind. Dann ist die Trennschärfe zwischen dem, was es schon gibt und der neuen Idee möglicherweise nicht mit einem ordentlichen Marketingbudget unterlegt. Das Problem ist ja: Wie schaffe ich Interesse bei meinen potentiellen Neukunden? Dazu ist es notwendig, erst einmal die Zielgruppe festzulegen und dann zu überlegen, wie diese Zielgruppe sich Dienstleister oder Produktanbieter sucht, z. B. old school über Printmedien oder eher übers Internet. Je nach Ergebnis einer umfassenden Marktanalyse muss ich meine Marketingstrategie festlegen. Aus meiner Sicht ist es übers Internet natürlich möglich, relativ viele Leute zu erreichen, aber ich muss es natürlich richtig machen und das kostet eben auch einiges. Und hier ist das Marketingbudget oftmals schon sehr dünn, auch weil die Leute keine Erfahrung damit haben, wieviel ein solcher Prozess kostet und welche Agenturleistungen sinnvoll sind.

Ein anderer Punkt ist, dass sich bei einer Gründung oft mehrere zu einer Partnerschaft zusammen schließen , die am Anfang noch harmonisch verläuft, sich aber zu einem Stressumfeld entwickeln kann. Dies tritt zum Beispiel ein, wenn sich die gemeinsame Zielsetzung ändert, was auch in erfolgreichen Fällen nicht selten vorkommt. Deswegen ist es sehr wichtig, dass die Verträge, die ich mache, auch eine solche Streitsituation berücksichtigen und abfedern, um das Unternehmen nicht zu gefährden. Abfindungsregelungen oder ähnliches will keiner am Anfang besprechen, doch es ist ratsam, denn zu Beginn einer Partnerschaft sind die Parteien noch flexibel und werden sich leicht einig. Ähnlich wie bei einer Ehe muss ich über solche Dinge auch mal reden. Sollte es soweit kommen, werden Sie dankbar dafür sein.

Wie kann ich als Gründer feststellen, ob sich lohnt, was ich gegründet habe? Welche Möglichkeiten hat ein Gründer, Prognosen für die Zukunft anzustellen?

Jochen Ball: Zunächst sollte ich einen Businessplan erstellen. Den darin enthaltenen Planzahlen sollten möglichst bald die Ist-Zahlen gegenübergestellt werden. Der Unternehmer sollte sich dann möglichst monatlich, mindestens aber quartalsweise damit beschäftigen, wie weit vom Plan abgewichen wurde und warum. Unbedingt aber sollte ich den Plan weiterentwickeln, da nun Live-Daten vorhanden sind und der Plan durch Berücksichtigung dieser Daten immer realistischer wird. Diese Anpassung kann schon nach vier Wochen vorgenommen werden. So früh gibt es zwar noch wenig einzuschätzen, aber man kann zumindest überprüfen, ob die Investitionssumme eingehalten werden konnte, die anfangs angesetzt wurde. In der Regel tätigt der Gründer am Anfang eine Investition und es dauert, bis das Unternehmen in den Umsatz kommt. Beobachtet man diese Entwicklung, kann man im Laufe der Monate immer besser erkennen, ob und ab wann Einnahmen entstehen werden. Ausgabenschätzungen sind in der Regel weniger das Problem, da diese meistens relativ gut prognostizierbar sind. Und nach einem Jahr gibt es dann auch einen Jahresabschluss, wo man gut sehen kann, wo man gelandet ist.

In welchen Branchen sehen Sie für die Dornbach-Gruppe das größte Potential?

Jochen Ball: Auf jeden Fall im Bereich der IT, die Gründerszene dort wird immer stärker. Oder nehmen Sie die Vernetzung von Privathäusern, Stichwort „Sensorik beim Licht“. Aus meiner Sicht werden dort relativ schnell technische Veränderungen in die breite Bevölkerungsschicht gelangen. Es gibt vermutlich gar nicht genug Programmierer, die alles, was bereits möglich wäre, umsetzen. Das Problem bei diesen „Tekkie-Gründern“ ist, dass sie zwar viel Ahnung haben von Programmieren, aber Know-how im Kaufmännischen und im Aufbau von Firmen haben sie in der Regel nicht. Aber ist ja auch klar, in einem Informatikstudium lerne ich sowas nicht und auch nicht, wenn ich mir selbst programmieren beigebracht habe. Dann gibt es den Bereich Gesundheitswesen mit sehr großem Entwicklungspotential. Zwischen den Bereichen IT und Healthcare besteht außerdem eine Konnexität. Die hier entstehende Datenflut muss bewältigt werden. Die Apple Watch sehe ich hier als Vorreiter einer boomenden Branche.

Die Dornbachgruppe bietet ja vorrangig Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Rechtsberatung und Unternehmensberatung an. In welcher Reihenfolge würden Sie diese vier Bereiche für Firmengründer priorisieren?

Jochen Ball: Ich würde zunächst mit der Unternehmensberatung bzw. einer betriebswirtschaftlichen Beratung beginnen. Dies kann auch etwas mit der Steuerberatung verbunden werden, weil es anfangs ja wie bereits erwähnt darum geht, den Businessplan zu plausibilisieren. Wenn sich bei diesem Schritt schon herausstellt, dass die Annahmen unrealistisch sind, muss ich entweder feinjustieren oder die Idee eben doch nicht umsetzen. Habe ich aber die Sicherheit und kann sagen Es klingt plausibel, es könnte was werden, dann ist sicherlich die Rechtsberatung relevant mit der Frage In welchem Kleid mach ich es? Wählen Sie die Rechtsform Einzelunternehmer, UG, Limited, GmbH, AG oder eine andere? Hier hat der Steuerberater natürlich auch ein gewisses Grundwissen, ersetzt aber keine Rechtsberatung, denn bei der Umsetzung lande ich sehr schnell bei der Frage: Habe ich einen Kunden und in welche Vertragsbeziehung trete ich mit diesem Kunden? Spätestens dann brauche ich einen Juristen, wenn allgemeine Geschäftsbedingungen usw. entwickelt werden müssen. Die Wirtschaftsprüfung ist in der Regel erst dann an der Reihe, wenn ein Unternehmen eine bestimmte Größenordnung überschritten hat und gesetzliche Pflichtprüfungen einsetzen. Dies ist der Fall, wenn ich über 9 Millionen € Umsatz erwirtschafte oder mehr als 50 Mitarbeiter beschäftige, also schon für eher größere Unternehmen. Manchmal kommt es vor, dass finanzierende Banken oder auch Wagniskapitalgeber von Anfang an einen geprüften Jahresabschluss vorgelegt haben möchten, z. B. weil sie vielleicht vorhaben, das Unternehmen an die Börse zu bringen oder ähnliches. Und natürlich ist es immer vorteilhaft, wenn in der Unternehmenshistorie nachgewiesene und geprüfte Zahlen vorgewiesen werden können. Meine empfohlene Reihenfolge ist: Unternehmensberatung, Steuerberatung, Rechtsberatung, Wirtschaftsprüfung.

Und zum Abschluss: Welche grundlegenden Tipps haben Sie für unsere Gründer?

Jochen Ball: Erstens ordentliche Marktforschung betreiben: Wen gibt es noch zu welchen Konditionen? Dann sollte ich auf keinen Fall zu optimistisch planen. Außerdem darf ein Gründer als Absicherung seine Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung nicht vergessen. Dies wird sehr oft vernachlässigt. Wenn da was passiert, wird man vom Sozialsystem kaum aufgefangen.

Wir bedanken uns vielmals für das Gespräch.

 

Dr. Dornbach Treuhand GmbH

Dornbachstraße 1a

61352 Bad Homburg v.d.H.

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